Winterliche Todfeinde des Brettspiels

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Dienstag, 27. Februar 2018

Winterzeit ist Brettspielzeit, so der allgemeine Tenor. Gerade Menschen, die nicht regelmäßig spielen, sind oftmals der Meinung, die dunkle Jahreszeit sei wie geschaffen für gemütliche Spieleabende. Ziemlicher Mumpitz, meine ich - denn nichts ist dem gemeinen Gesellschaftsspiel so feindlich gesinnt wie lange dunkle Winterabende. Warum? Im Winter gibt es jede Menge Beschäftigungen, die der gemeinsamen Spielerunde entgegenstehen.

Feind Nummer Eins des Gesellschaftsspiels ist eindeutig die „Glotze“. Was gibt es Schöneres, als an dunklen Winterabenden, eingemummelt in flauschige Decken, zusammen mit den Liebsten vor dem Fernseher abzuhängen und sich einfach nur berieseln zu lassen? In den vergangenen Wochen konnte man allabendlich ganz bequem nach Südkorea reisen und die olympischen Winterspiele 2018 hautnah miterleben – deutschen Biathletinnen, nordischen Kombinierern oder dem schwarz-rot-goldenen Eishockeyteam gemütlich vom Sofa aus beim Gewinnen zuschauen.
Stattdessen am Spieltisch in ferne Welten reisen? Sich selbst mit Freunden bei Spielen zu messen und zu gewinnen? Regeln lesen, Spiel aufbauen – alles viel zu anstrengend. Dann doch lieber beim Serien-Streaming stundenlang in andere Sphären eintauchen. Es soll ja heutzutage tatsächlich erwachsene Menschen geben, die geplante Spieleabende kurzfristig absagen, weil sie in der aktuellen Staffel von Game of Thrones, Electric Dreams, Star Trek Discovery oder Pastewka hängen geblieben sind und wie fremdgesteuerte Junkies direkt 12 Folgen hintereinander „wegglotzen“ mussten.

Fernsehen? Filme gucken? Da winkt der Nachwuchs nur müde ab. Statt analog zu schauen, nutzen Kinder und Jugendliche heute sämtliche Bildschirme, um digital zu „daddeln“. Ich muss gestehen: Auch uns hat es erwischt. Eben noch waren wir eine rundum zufriedene Mutter-Vater-Kind-Vielspieler-Familie, mit einem Sohn, der Feuer und Flamme für jedes gemeinsame Brett- und Kartenspielabenteuer war. Doch seit rund einem halben Jahr mutiert unsere Brut zu einem eher „spielemuffeligen“ Mitbewohner, der alles lieber tut, als sich spontan mit uns an den Tisch zu setzen und analoge Spielerunden zu genießen. Ok, uns zuliebe kurz eine Partie Ice Cool zu spielen, um den Pinguinen geschickt coole Stunts zu entlocken, das ist durchaus noch drin. Aber bitte nur, wenn wir danach unsere Fingerfertigkeit an Konsolen-Controllern messen, auf der Mattscheibe magische Wälder durchstreifen und dabei bedrohliche Maschinen namens Silent Ones bekämpfen oder auf weltbekannten Strecken mit pfeilschnellen Boliden Rennen zocken.
Vor dem Bildschirm gemeinsam und hautnah Emotionen zu erleben, scheint vielen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bequemer und einfacher - ein Trend, auf den momentan viele namhafte Publisher setzen und vermehrt Spielerlebnisse für den Mehrspielermodus vor Ort entwickeln.

Tja - und nicht zu vergessen: die kleinen Bildschirme. Laut einer Studie des Digitalverbandes Bitkom nutzten in 2017 rund 54 Millionen Deutsche ab 14 Jahren ein Smartphone, das sind acht von zehn Deutschen. Der Nutzeranteil habe sich seit 2012 mehr als verdoppelt.
Bei uns nutzen 100 Prozent der Familienmitglieder das Handy – und das mittlerweile weniger zum Telefonieren, als vielmehr zum Chatten in sozialen Netzwerken, Videos gucken, Musik hören und Spiele spielen. „Jetzt leg‘ doch mal das Handy weg!“ ist mittlerweile zum geflügelten Wort geworden und richtet sich meist an die Adresse von Kindern und Jugendlichen. Dabei gehen gerade wir Erwachsenen nicht zwangsläufig mit gutem Beispiel voran. Jeder hat wohl schon einmal beruflich oder privat mit Menschen in der Runde gesessen, die verstohlen unter oder auch ganz ungeniert auf dem Tisch ständig auf ihr Smartphone linsten. Da hilft nur eins: Feste Regeln für handyfreie Zeiten einführen – für alle Familienmitglieder und auch den Besuch. Es gibt Haushalte, in denen zu bestimmten Zeiten alle ihre Handys außer Reichweite legen, beispielsweise zum Mittagessen, während der Hausaufgaben und vor dem Schlafengehen.

Warum also nicht ebenso regelmäßige handy- und fernsehfreie Zeiten für feste Spielerunden vereinbaren? Oder man lockt die Gamer mit einem so genannten Hybrid-Spiel, bei dem eine digitale App in das analoge Brettspiel eingebunden ist. Der Trend, Tablets oder Smartphones mit Gesellschaftsspielen zu kombinieren, ist allerdings schon längst passé, denn selten führt die digitale Technik zu einem echten Mehrwert im Spielablauf.

Bleibt noch ein weiterer Feind des analogen Spiels: die Literatur. Nicht zuletzt an Winternachmittagen und -abenden steht das Kulturgut Buch in harter Konkurrenz zum Kulturgut Spiel. Bei uns stapeln sich gerade Werke von Jeff Kinney (Gregs Tagebuch), Raquel J. Palacio (Wunder), Dan Brown (Origin) und Sebastian Fitzek (Flugangst 7A), die kurzfristig gelesen werden wollen. Wenn dann gerade mal wieder fest vereinbarte handy- und daddelfreie Zeit herrscht und die Flimmerkiste am Abend schwarz bleibt, dann konkurriert Brettspielzeit mit Lesezeit. Dazu ein Tipp für Familien und Freundeskreise: Erst lesen, dann spielen! Als Opener für den nächsten gemeinsamen Spieleabend kommt dann vielleicht zunächst ein Spiel zum Buchautor auf den Tisch. Literaturadaptionen findet man bei Gesellschaftsspielen heutzutage en masse, beispielsweise Eiersalat (Gregs Tagebuch), The Da Vinci Code Sakrileg (Dan Brown), Das Fundament der Ewigkeit (Ken Follett) oder Sebastian Fitzeks Safe House.

Schließlich hilft gegen die (winterlichen) Todfeinde des Brettspiels aber nur eine Medizin: Gesellschaftsspiele als Hobby anzusehen, regelmäßige, feste Brettspiel-Zeiten zu vereinbaren und diese auch einzuhalten.
Glotze aus – Handy abgeben – Buch zuklappen – ausgiebiges Essen und ablenkende Unterhaltungen auf andere Zeiten verschieben – sich stattdessen voll und ganz dem Moment hinzugeben und sich auf die wunderbaren Welten im Brettspiel und seine Gegenüber einzulassen.

Zum Glück werden die Tage nun wieder länger und die Abende heller. Was gibt es da Schöneres, als gemeinsam (auf der Terrasse) am Tisch in andere Welten einzutauchen, sich in spielerischen Wettbewerben zu messen und das Spielmaterial haptisch erleben zu können?

Uns allen noch eine verspielte Rest-Winterzeit!

Sabine Koppelberg