Briefe an "Spiel des Jahres"

von
Dienstag, 16. Mai 2017

Blick ins Postfach:

Sehr geehrte Damen und Herren, mein Lebensgefährte und ich sind begeisterte Spieler. In unserem Besitz befinden sich mittlerweile über 60 Spiele. Gespielt haben wir noch wesentlich mehr und würden daher gerne Ihrem Verein beitreten. Könnten Sie uns hierzu die entsprechenden Unterlagen zukommen lassen? Vielen Dank im Voraus.

Über Zuschriften von Spielenden freuen wir uns bei „Spiel des Jahres“ sehr. Und es ist natürlich schön, wenn uns Menschen derart attraktiv finden, dass sie sofort bei uns mitmachen wollen. Bewerbungsschreiben wie das Obige gehen tatsächlich ab und zu bei uns ein. Deshalb möchte ich zu Beginn dieses kleinen Textleins über Zuschriften, die wir erhalten haben, erklären, weshalb es auch in Zukunft sinnlos ist, sich bei uns zu bewerben:

Die Mitgliedschaft im Verein „Spiel des Jahres“ ist an Bedingungen geknüpft. Es gibt zwei Haupt-Voraussetzungen dafür, dass man als Kandidatin oder Kandidat in Frage kommt, um dem Verein beitreten zu können: Erstens muss man regelmässig in deutscher Sprache Rezensionen über Spiele veröffentlichen. Und zweitens muss man unabhängig von der Spiele-Branche sein. Zudem müssen Jurymitglieder natürlich viel, viel Zeit haben und bereit sein, alle wesentlichen Neuerscheinungen eines Jahrgangs auch selber durchzuspielen.
Selbst, wer glaubt, diese Bedingungen perfekt zu erfüllen, kann sich aber trotzdem nicht bewerben. Denn wer regelmässig in traditionellen Medien oder auf Blogs mit Spielekritiken präsent ist, wird von uns irgendwann auch wahrgenommen. Die Jurymitglieder halten aktiv nach Neumitgliedern Ausschau und beobachten sie eine Zeitlang, bevor wir Kandidaten direkt ansprechen. So funktioniert das bei uns.

Hallo, wer genau sind die Jurymitglieder? Ich meine, wieso qualifizieren ausgerechnet Sie sich, einen solchen Preis zu vergeben?

Alle Jurymitglieder werden auf unserer Homepage vorgestellt. Wir sind ein privater Verein und geben uns das Recht, Preise zu verleihen, selber. Es steht jedem frei, einen Preis zu erfinden und zu vergeben.
Von den vielen Zuschriften, die uns erreichen, versuche ich so viele wie möglich persönlich zu beantworten. Sie sind ziemlich unterschiedlich und enthalten allgemeine Kommentare, Anregungen, Wünsche, Gratulationen, Kritik und manchmal auch Verfluchungen, zum Beispiel wenn wir ein Spiel ausgezeichnet haben, bei dem eine männliche Spielfigur „in Macho-Gehabe“ eine „hilflose“ weibliche Prinzessin befreit, die „ihn gar nicht darum gebeten hat“ und „ihre Gefangenschaft einfach gegen eine neue eintauscht“. Dass ich als Kritiker oft selber mit Kritik - nämlich mit jener an unseren Entscheidungen - konfrontiert werde, ist richtig. Ehrlich gesagt, habe ich sogar Spass an fundierter Kritik und finde Debatten über Ansichten zu Spielen sehr bereichernd.
Eine kritische Einstellung von Konsumenten sollte selbstverständlich sein. Die kritische Einstellung von uns Juroren hat den Preis schliesslich auch zu dem gemacht, was er heute ist.

Sehr geehrter Herr Felber, (. . .) bitte erklären Sie mir, warum Sie das Spiel (. . .) nicht auf die Empfehlungsliste gewählt haben. Das können wir absolut nicht nachvollziehen. Es ist unser Lieblingsspiel.

Manchmal bin ich dann allerdings doch erstaunt, wie wenig sich Schreibende in die Arbeitsweise einer Jury einfühlen können. Deshalb möchte ich hier ein paar grundlegende Punkte erklären:
Die Listen, die wir jeweils nach unserer Klausurtagung im Mai der Öffentlichkeit präsentieren, sind das Resultat eines demokratischen Prozesses. So verschieden wie die Spielerlebnisse und Geschmäcker, so verschieden sind auch die Meinungen über die Spiele, auch innerhalb der Jury. Selbst zu den Spielen, die es auf unsere Empfehlungs- und Nominierungslisten geschafft haben, gibt es innerhalb der Jury verschiedene Meinungen. Auch als Vorsitzender habe ich nur eine Stimme. Es ist völlig normal, dass ich für Spiele gestimmt habe, die nicht auf die Liste gelangten und gegen Spiele, die auf der Liste stehen. Als Vorsitzender vertrete ich aber das Ergebnis der Jury und nicht meine persönliche Meinung.
Ein Spiel gewinnt, wenn es die Mehrheit der Stimmen der Mitglieder bekommt. Ein Spiel erscheint nicht auf der Empfehlungsliste, wenn es keine Mehrheit der Stimmen bekommt. Welches die sonstigen Gründe sind, teilt die Jury nie mit. Die Beratungen und die Wahl sind geheim. Und weil nicht alle Jurymitglieder der gleichen Meinung über die Spiele sind, würde auch jedes einzelne Jurymitglied seine Zustimmung oder seine Ablehnung zu einem Spiel individuell anders begründen.
Nach der Wahl im Juli erhalte ich immer Zuschriften von Spielenden voller Argumente, weshalb unsere Wahl super oder komplett falsch sei. Interessant daran ist, dass ich alle diese Argumente stets schon kenne. Denn wir Jurymitglieder haben ja vor der Wahl ausführlich über das ganze Jahr in einem internen Forum und dann auch noch auf unserer Klausurtagung unsere Einschätzungen miteinander ausgetauscht. Es kann dann tatsächlich passieren, dass mir Leute genau und fast wörtlich jene Argumente für oder gegen ein Spiel an den Kopf werfen, die ich in unserer internen Jury-Diskussion selber geäussert hatte, aber mich damit vielleicht nicht durchsetzen konnte.

Sehr geehrte Damen und Herren, wann kommen wieder bessere Zeiten? (. . .) Ich besitze alle Spiele des Jahres und bin von (. . .) restlos enttäuscht. (. . .) Ich würde mich freuen, wenn ich mich in Zukunft wieder auf Ihre Auswahl verlassen könnte.

Es ist völlig normal und es ist uns bewusst, dass das „Spiel des Jahres“ nicht in jedem Jahr den Geschmack jedes Einzelnen trifft. Genau deshalb gibt es eine Empfehlungs- und Nominierungsliste, damit jeder Spieler hoffentlich in jedem Jahr ein passendes Spiel darauf findet.
Es ist aber durchaus auch Absicht der Jury über die Jahre möglichst verschiedene Arten von Spielen zu berücksichtigen. Die Spielentwicklung hat in den vergangenen Jahren unheimliche Veränderungen durchgemacht. Was vor 20 Jahren neu und interessant war, würde im heutigen Umfeld als Neuerscheinung vielleicht anders beurteilt. Analoge Spiele müssen sich zudem heutzutage auch dem Vergleich und der Konkurrenz mit Smartphone- und Tablet-Spielen stellen, die es früher schlicht nicht gab. Und zudem ist die Jury kein personelles Kontinuum. Kein aktives Jurymitglied von heute war bereits vor 25 Jahren dabei.
Ich mache auch die Erfahrung, dass die Ansprüche von spielenden Leuten im Verlauf der Jahre wachsen und sich verändern. Spieler werden besser, können besser mit Regeln umgehen. Sie merken oft selber nicht, dass sie vielleicht unserer Zielgruppe entwachsen. Wenn jemand erklärt, Spielen sei sein Hobby, dann fühle ich mich irgendwie nämlich gar nicht mehr zuständig. Ein „Spiel des Jahres“ ist idealerweise ein Spiel, das auch von Leuten gespielt werden soll, die keinerlei Spielerfahrung haben.

(. . .) ist doch kein Kennerspiel. Ist viel zu einfach für ein Kennerspiel.

Den Begriff „Kennerspiel“ hat die Jury erfunden. Vorher gab es diesen Begriff schlichtweg nicht. Deshalb ist es auch die Jury, welche die Bedeutung dieses Begriffs definiert hat.
Ich wiederhole es immer wieder: Das „Kennerspiel“ ist kein Spiel für Experten. „Spiele-Freaks“ sind nicht Zielgruppe dieses Preises. In „Kennerspielen“ arbeitet man nicht, „Kennerspiele“ geniesst man. Auch ein „Kennerspiel“ sollte durchaus noch im familiären Kreis bewältigt werden können, einfach von solchen Familien, die vielleicht regelmässig spielen und halt schon ein bisschen mehr Erfahrung mit Spielen haben. Die Jurymitglieder nehmen die Einteilung von Spielen in ihre Kategorien erst vor, nachdem sie diese Spiele in vielen unterschiedlichen Partien und Runden mit unterschiedlichsten Mitspielern gespielt haben. Dabei erleben wir Vielfältiges, dessen Summe schliesslich zu unseren Einschätzungen führt.
Erstaunt bin ich immer wieder darüber, wie es für sehr erfahrene Spieler schwierig zu sein scheint, sich in unerfahrenere Spielgruppen einzufühlen. Nicht nachvollziehen kann ich aber wirklich, wenn relativ geradlinige, mathematische Optimierungsaufgaben von „Vielspielern“ als komplexer eingestuft werden als das psychologische Einschätzen von Verhaltensweisen der Mitspieler oder das freie Festsetzen von Preisen in einem Wirtschaftssystem ohne Leitplanken.

Einer der grundlegenden Aspekte der Jury „Spiel des Jahres“ ist ihre Unabhängigkeit. Diese ist unantastbar. Deshalb schliesse ich diesen Text mit drei Beispielen von Anliegen, die wir leider nicht erfüllen können.

Hallo, (. . .) ich habe auf dem Dachboden eine Spielesammlung gefunden und möchte diese gerne verkaufen, weiss aber nicht, was die wert ist. Vielleicht können Sie mir ja da helfen.

Nein, das können wir leider nicht.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe seit längerem eine interessante Spielidee, die ich gerne auf den Markt bringen möchte. Sie erfüllt im Prinzip alle Auflagen für das "Spiel des Jahres". Können Sie mir mitteilen...?

Nein, das können wir leider auch nicht.

Mein größter Traum ist es ein Job zu finden, bei dem man bei der Spielentwicklung hautnah dabei ist. Meine Frage lautet nun: gibt es über den Verein Spiel des Jahres Stellenangebote für Kommunikationsdesigner?

Nope, gibt es nicht.

Tom Felber